Wie der Paritätische vor einigen Wochen berichtet hatte, werden in der Bundesregierung hinter verschlossenen Türen zum Teil drastische Kürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Eingliederungshilfe diskutiert. Ein TV-Beitrag des ARD-Monitor-Teams thematisiert die möglichen Folgen für das Jugendhilfesystems prägnant und zugleich differenziert. Insbesondere weil deutlich wird, dass Ausgaben im Sozialen immer auch Investitionen in Zukunft sind. Ich hoffe, dass die eine oder der andere Spitzenpolitiker:in sich 15 Min Zeit nimmt, den Beitrag anzusehen.
Letzte Woche haben wir im Fachausschuss für Personal- und Organisation des Evangelischen Erziehungsverbandes (EREV) über die Sparpläne gesprochen – und über die Notwendigkeit, uns sichtbar, kritisch und zugleich konstruktiv und differenziert hierzu in Stellung zu bringen. Denn Lobbyismus (für die gute Sache: Zukunftsperspektiven für Kinder und Jugendliche in prekären Lebenslagen) ist nach meiner Perspektive in der Fachcommunity häufig immer noch negativ konnotiert, was zu einer unproduktiven professionellen Bescheidenheit führt.
Daher freue ich mich, zu hören und zu lesen, was aktuell alles in Gang kommt. Sei es das Aktionsbündnis Kindeswohl in Schleswig-Holstein, ein ebenfalls in den Startlöchern stehendes Aktionsbündnis in Hessen und nicht zuletzt die jüngst veröffentlichten Vorschläge des Paritätischen zu sinnvollen Einsparpotenzialen im Sozialen. Dabei überzeugen mich insbesondere diese Punkte:
Stärkung von Angeboten zur Prävention von Armut und von Gewalt
Wir wissen seit Langem: Früh ansetzende Prävention spart teure Intervention. Armut, Gewalt und psychische Belastungen verstärken sich gegenseitig – mehr als zwei Millionen Kinder sind hierzulande von Armut betroffen, rund 4,5 Millionen wachsen in Familien mit psychisch oder suchterkrankten Elternteilen auf. Wer früh an einem dieser Punkte ansetzt, entlastet das gesamte System; wer dagegen zu spät eingreift, zahlt am Ende mehr – über stationäre Unterbringungen, intensive Betreuung und langwierige Verfahren. Und es gibt unzählige erfolgreich evaluierte Ansätze (siehe z.B. die Grüne Liste Prävention), weshalb das Rad hier nicht ständig neu erfunden werden sollte und man sich auf Seiten der freien Träger wie der Kostenträger bürokratisch aufwendige und häufig wenig aussagekräftige Dokumentationen und Selbstevaluationen sparen kann. Denn wo Wirksamkeit längst belegt ist, schafft erneute Nachweispflicht keine zusätzliche Sicherheit, sondern bindet nur Fachkräfte, die anderswo dringender gebraucht werden. Frei nach dem Motto: Kontrolle ist gut, evidenzbasiertes Vertrauen ist besser.
Weniger Projektitis und damit verbundene Bürokratie
Wer dauerhafte Aufgaben in immer neue, befristete Projekte zwängt, produziert vor allem eines: Aufwand. Jährlich neu zu stellende Förderanträge für Projekte, die sich inhaltlich gar nicht ändern, parallele Förderstrukturen mit unterschiedlichen Standards und Prüfpflichten, die mehr Personal binden als Transparenz schaffen – das ist Alltag vieler freier Träger. Naheliegend wäre daher: mehrjährige Förderzeiträume, Festbetragsfinanzierung und einheitliche digitale Antragsportale statt jährlicher Antragsschleifen sowie – wo Aufgaben dauerhaft bestehen – Regelfinanzierung statt immer neuer Projektlogik. Und gerade gegenüber etablierten gemeinnützigen Trägern sollten Einzelbelegprüfungen durch Pauschalen, Vertrauensschutz und Stichproben ersetzt werden.
Vorrangige Beauftragung von gemeinnützigen Trägern
Das Subsidiaritätsprinzip ist kein verstaubtes Relikt, sondern ein handfester Effizienzhebel. Gemeinnützige Träger kennen ihr Umfeld, orientieren sich an tatsächlichen Bedarfen und mobilisieren zusätzlich Ehrenamt, Spenden und Eigenmittel – Ressourcen, die öffentlichen und gewerblichen Anbietern in dieser Form schlicht nicht zur Verfügung stehen. Das schafft mehr soziale Wirkung pro eingesetztem Euro. Für Kommunen heißt das konkret: nicht alles selbst aufbauen, sondern die Finanzierung sichern und die freien Träger machen lassen. Dass die Abkehr vom früheren Vorrang freier Träger ein Fehler war, zeigt der Blick auf die Pflege: Seit der Öffnung des Marktes für gewerbliche Anbieter fließen vermutlich jährlich mehrere Milliarden Euro aus Beiträgen, Eigenanteilen und öffentlichen Mitteln in Gewinne und Renditen – statt in Personal, Versorgung und Infrastruktur. Gemeinnützigkeit heißt eben auch: Es wird nicht ausgeschüttet, sondern reinvestiert.
Was denkt ihr hierzu und zu den anderen Vorschlägen des Paritätischen?
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